Wannenschmökern
Das Herzenhören

Nach Burma, dem heutigen Myanmar, führt unser neuer Buchtipp für passionierte Wannenschmöker.

Foto: VDS / shutterstock@theskman

Das Herzenhören

Liebesgeschichte zum Eintauchen ins ferne Burma

29. Dezember 2016

Poesie pur vor exotischer Kulisse? Weit gefehlt! Die ungewöhnliche Liebesgeschichte lässt uns eintauchen in eine faszinierende Lebens- und Gedankenwelt. 

Auf den ersten Seiten sind die Feinheiten des Romans noch nicht sofort offensichtlich. Die Suche nach ihrem vermissten Vater führt die junge New Yorker Anwältin Julia Win nach Kalaw, einem malerischen, in den Bergen Burmas versteckten Dorf. Ein vierzig Jahre alter Liebesbrief ihres Vaters an eine unbekannte Frau hat sie an diesen magischen Ort gebracht. Könnte kitschig werden? Im Gegenteil. Mit dem Beginn der eigentlichen Geschichte wird es stattdessen richtig spannend. Denn Jan-Philipp Sendker erzählt in seinem Debütroman eine Liebesgeschichte, die sich fernab der üblichen Schemata bewegt.

Das Herzenhören
Fasziniert und fesselt: „Das Herzenhören“ von Jan-Philipp Sendker. Der Autor war für die Zeitschrift „Stern“ viele Jahre als Auslandskorrespondent in Asien unterwegs. Foto: www.randomhouse.de
Schicksalhafte Begegnung mit Handicap

Als sich Tin Win und Mi Mi begegnen, sind sie als gehandicapte junge Menschen beide Außenseiter der Gesellschaft. Während Tin Win sein Augenlicht verlor, kann Mi Mi nicht gehen. Ein Schicksal, das in den ländlichen Regionen des heutigen Myanmar kaum zu meistern ist. Gemeinsam aber lernen die Heranwachsenden, mit ihren gesunden Sinnen und ihrer Kraft das jeweilige Defizit beim anderen auszugleichen und auf diese Weise dem Gleichklang ihrer Herzen zu folgen.

Das klingt poetisch und ist es auch. Um schmalzig zu werden, ist der ehemalige Asien-Korrespondent des „Stern“ allerdings ein viel zu feinfühliger und begnadeter Erzähler. So gelingt es ihm, die Welt von Tin Win und Mi Mi auf eine Art darzustellen, die weder Raum für Kitsch noch Langeweile lässt. Ihre Geschichte wird auf eine ungeschminkte und direkte Weise erzählt, der ein besonderer Zauber innewohnt.

Doch gerade der Verzicht auf jedes schnörkelige Detail, jede übertreibende Schilderung macht „Das Herzenhören“ zu einem Stück Poesie. Schwer zu sagen, ob es an dem Selbstverständnis liegt, mit dem die beiden Außenseiter sich begegnen. Oder an dem Vertrauen, mit dem sie sich aufeinander verlassen. Oder an ihrer Fähigkeit, die eigenen Beschränkungen durch die Kraft des anderen zu überwinden. Sicher ist dagegen: Ihre Geschichte fasziniert und fesselt – auch in der Badewanne.

„Das Herzenhören“ hat seit seinem Erscheinen im Jahr 2002 Hundertausende Leserherzen gewonnen. Aktuell arbeitet der Autor am Drehbuch für die Kinoverfilmung. Mit „Herzenstimmen“ bescherte Sendker seinen Fans bereits im Februar 2012 die Fortsetzung der Geschichte.